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amnesty on air

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Das Magazin für Menschenrechte
von amnesty international aus Münster
auf Radio AM (95,4 MHz)
ausgestrahlt an jedem ersten Dienstag im Monat um 20.28 Uhr.

Alarmierende Bilanz
Reporter ohne Grenzen im Interview

In unserer Radiosendung amnesty on air im November vergangenen Jahres berichteten wir über den Mord an Anna Politkowskaja. Vieles spricht dafür, dass die russische Journalistin wegen ihrer kreml-kritischen Berichterstattung erschossen wurde. Neben Politkowskaja wurden 2006 noch drei weitere russische Journalisten getötet. Russland ist aber nicht das einzige Land, in dem Medienschaffende aufgrund ihres Berufs Angst um ihr Leben haben müssen. Die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) stellte am 1. Februar in Paris ihren Jahresbericht zur Pressefreiheit vor. Unter anderem ist darin zu lesen, dass 2006 weltweit 81 Journalisten getötet wurden.

Für unsere Februar-Ausgabe von amnesty on air (Ausstrahlung: 06.02.2007)  sprach Sarah Knoop mit Katrin Evers, der Pressesprecherin von ROG.  

Frau Evers, 81 ermordete Journalisten, das ist der höchste Stand seit 1994. Worauf ist diese erschreckende Bilanz zurückzuführen?

Die erschreckende Bilanz ist vor allem auf den Krieg im Irak zurückzuführen. Dort sind 39 Journalisten gewaltsam ums Leben gekommen, davon waren 91 Prozent Iraker, also einheimische Journalisten. Dieses Land macht mit 39 getöteten Medienleuten den größten Anteil aus.

Bitte schildern Sie uns die Lage im Irak doch noch ein bisschen genauer.

Dort ist es für Medienleute inzwischen so gut wie unmöglich geworden zu arbeiten. Für ausländische Journalisten ohnehin, aber auch einheimische Journalistinnen und Journalisten müssen im Grunde ständige Angst um ihr Leben haben, vor allem dann, wenn sie kritisch über die derzeitige Situation im Irak berichten, zum Beispiel über den Demokratisierungsprozess oder Themen wie Frauen, Gesundheit und Religion. Dann kann es durchaus passieren, dass sie von den verschiedenen Bürgerkriegsparteien - man muss ja inzwischen von Bürgerkrieg sprechen - auf dem Weg zur Arbeit oder in ihrem eigenen Haus entführt und ermordet werden. Das ist wirklich eine ganz dramatische Situation dort. Wir hier müssen uns bewusst machen, dass wir überhaupt keine objektiven Informationen mehr aus dem Irak bekommen. Das, was wir an Nachrichten erfahren, ist wirklich ein Bruchteil von dem, was dort wirklich geschieht, was nur noch aus Hotelzimmern berichtet werden kann. Im Irak ist niemand mehr in der Lage, die wahren Hintergründe zu recherchieren.

Ich habe eben schon das Beispiel der vor kurzem ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja erwähnt. Ist die Situation der Pressefreiheit in Russland seit Putins Amtsantritt im Jahr 2000 prekärer geworden?


Seitdem Putin an der Macht ist, kann man sagen, dass die unabhängigen Medien mehr in Bedrängnis geraten sind. Die elektronischen Medien, also Radio und Fernsehen, sind im Grunde gar nicht mehr unabhängig. Die wurden alle vom Kreml oder kreml-nahen Institutionen aufgekauft, das heißt, da findet bei allen Kontrolle und Zensur statt. Bei den Printmedien ist diese Tendenz auch zu beobachten. Es gibt zwar noch einige unabhängige wie etwa die Nowaja Gazeta, für die auch Politkowskaja geschrieben hat. Aber auch im Printbereich werden zunehmend Zeitungen und Zeitschriften von kreml-nahen Unternehmern aufgekauft und so unter Kontrolle gebracht. Das ist eine Situation, die aus Sicht von Reporter ohne Grenzen sehr beunruhigend ist.

Allgemein auf Ihren gesamten Jahresbericht bezogen: Wie sieht es eigentlich mit der Aufklärung der Morde aus?

In Bezug auf Russland sieht es leider düster aus. Aber auch in anderen Ländern, in denen Journalisten aufgrund ihres Berufs ermordet werden, ist es nicht besser. Wir haben eine Statistik geführt, seit Putin im Jahr 2000 Präsident wurde. Seitdem sind mindestens 21 Journalisten ums Leben gekommen. Keiner dieser Fälle ist für uns zufriedenstellend aufgeklärt worden. Aber wie gesagt, auch in anderen Ländern sieht es düster aus. Man schaue zum Beispiel nach Mexiko, das ist das Land mit der zweithöchsten Mordrate: Dort sind im vergangenen Jahr neun Journalisten ermordet worden. Das waren Menschen, die zum Beispiel über Drogengeschäfte oder andere illegale Machenschaften und Korruption berichteten. Auch dort findet so gut wie keine Aufklärung statt, was aber natürlich wichtig ist, damit Täter und Hintermänner zur Rechenschaft gezogen werden können, damit nicht Nachahmer die nächsten Journalisten umbringen. Auf den Philippinen haben wir eine ähnliche Situation, dort sind im vergangenen Jahr sechs Journalisten ums Leben gekommen. Auch da wurden in den wenigsten Fällen die Verantwortlichen gefasst und bestraft.

Ein weiteres Mittel, um die Pressefreiheit zu unterdrücken, ist die Medienzensur. Welche Entwicklungen hat Reporter ohne Grenzen da ausgemacht?

Die Zahl ist leicht zurückgegangen im Jahr 2006 im Vergleich zu 2005. Das liegt aber vor allem daran, dass in Nepal ein Waffenstillstand zustande gekommen ist, denn während der kämpferischen Auseinandersetzungen zwischen den Maoisten und den regierungstreuen Truppen wurden zahlreiche Zeitungen und Sender geschlossen. Das hat im Jahr davor sehr negativ zu Buche geschlagen. In 2006 konnten dann viele wieder senden und berichten. Vergangenes Jahr gab es dafür aber ein ähnliches Problem in Thailand. Während des Militärputsches wurden dort vorübergehend mehrere lokale Radiosender und Internetseiten gesperrt. Die konnten dann nach einiger Zeit zwar alle wieder arbeiten, aber trotzdem sind das natürlich Zahlen, die aus unserer Sicht auch ins Gewicht fallen. Es gibt auch Länder, in denen kontinuierlich und systematisch Zensur herrscht, zum Beispiel in China, in Myanmar oder in Nordkorea. Und über diese Länder lassen sich gar keine verlässlichen Zahlen recherchieren, denn alles, was dort in den Medien verlautbart wird, ist im Prinzip zensiert.

Haben Sie Hoffnungen, dass sich das in China angesichts der rasant wachsenden Wirtschaft und der daraus resultierenden zunehmenden Bedeutung des Landes in naher Zukunft ändern wird?

Nein, es gibt keine Anzeichen, dass sich das in nächster Zeit ändert, im Gegenteil. Das Internet wird stark überwacht und zensiert. Menschen müssen ins Gefängnis für das, was sie im Internet veröffentlichen. Und auch die Kontrollmechanismen und die Vorgabe an Themen für die übrigen Medien sind rigide wir eh und je und teilweise noch strenger als zuvor. Einen Hoffnungsschimmer gab es, als bekannt wurde, dass 2008 die Olympischen Spiele in China stattfinden. Aber nun sieht es so aus, als werde sich China nicht an seine Abmachungen halten, zumindest ausländische Journalisten ungehindert arbeiten zu lassen, sondern sie auf die Berichterstattung über die sportliche Ereignisse einschränkt. Andere Themen wie Menschenrechte dürfen nicht recherchiert werden.

Zum Schluss noch eine Frage zu Ihrer Organisation: Wie arbeitet Reporter ohne Grenzen? Wie gelangen Sie an Informationen?

Reporter ohne Grenzen hat ein weltweites Netzwerk von Korrespondenten in über 130 Ländern. Das sind immer einheimische Journalisten, die mit uns zusammenarbeiten und dort die Lage der Medien und Medienschaffenden beobachten und uns Einschränkungen oder gefährliche Situationen melden. Die Nachrichten gehen an unseren Hauptsitz in Paris. Dort wird noch einmal gegenrecherchiert: Was ist dran an den Meldungen? Es werden immer mehrere Stimmen gehört. Und dann machen wir diese Vorfälle in der Regel öffentlich. Wir versuchen, die Situation in den Ländern über öffentlichen Druck zu verändern. In einzelnen Fällen gehen wir aber auch direkt auf Verantwortliche zu, zum Beispiel auf Regierungsmitglieder. Entweder hier in den westlichen Ländern mit der Bitte, entsprechenden Druck auszuüben. Wir wenden uns aber auch an Behörden und Regierungschefs in den Ländern, in denen es Probleme gibt. Dabei sind es nicht immer nur die Regierung oder die Behörden, also die staatliche Seite, die Probleme in Bezug auf die Pressefreiheit machen, sondern es sind auch, wie etwa in Mexiko oder auf den Philippinen, Drogen- oder Menschenhandelsringe, die über ihre Arbeit nicht berichtet wissen wollen. Der Hauptteil unserer Arbeit besteht also darin, diese Informationen zu sammeln, öffentlich zu machen und so Druck auszuüben. In einzelnen Fällen helfen wir auch Journalistinnen und Journalisten konkret aus gefährlichen Situationen, etwa aus Ländern wie Pakistan, Tschetschenien oder aus afrikanischen Ländern auszureisen, wenn sie dort bedroht werden. Oder wir unterstützen sie bei ihren Prozesskosten. Auch Angehörigen von inhaftierten Journalisten versuchen wir zu helfen. Das ist die zweite wichtige Säule unserer Arbeit.

Also eigentlich eine ganz ähnliche Vorgehensweise, wie sie auch amnesty international und auch viele andere Menschenrechtsorganisationen anwenden. Vielen Dank, Frau Evers, für dieses Gespräch!

12.02.07, 16:20:54